Archiv für die Kategorie ‘Erziehung’

Im Zuge einiger Recherchen zum Thema Schule und Umgang mit Kindern stießen wir vor ungefähr 8 oder 9 Monaten immer öfter auf den Namen André Stern. Wir sahen einige Reportagen über ihn und seine Familie und kamen zu dem Schluss, dass seine Geschichte außergewöhnlich ist. Er ist nämlich anders aufgewachsen als die meisten von uns und er war nie in der Schule. Daraufhin haben wir ihn in einem Artikel vorgestellt und anscheinend sehr großes Interesse bei einigen Lesern geweckt.

Einen recht großen Einfluss hatte das auch auf unseren Freund Ben, der aufgrund seiner Erkenntnis um die in den Beiträgen geschilderten Zusammenhänge, seinen Wohnort wechselte und nach Frankreich zog, um seiner Tochter das deutsche Schulsystem zu ersparen. Wir hatten zwischenzeitlich ein Interview mit Ben und uns mit ihm über seine Erfahrungen in Frankreich unterhalten.

Heute freuen wir uns besonders, André Stern als Gast begrüßen zu dürfen und mit ihm ein wenig über seine Kindheit und aktuelle Projekte zu plaudern und dabei einige Fragen zu stellen, zu denen uns speziell seine Antworten sehr interessieren. Wir durften dieses Interview mit einem außerordentlich freundlichen und offenen Menschen führen. Wir sind überzeugt, dass die Chance auf eine Gesellschaft, die von Gewaltlosigkeit, Freiwilligkeit und Respekt geprägt ist, im Umgang mit unseren Kindern liegt.

Viel Spaß mit André Stern:

freiwilligfrei.info

http://www.freiwilligfrei.info/

Letzten Sonntag hatten wir endlich die Möglichkeit, uns mit Ben zu unterhalten. Wir hatten schon seit Monaten darauf gehofft, denn Ben hat etwas sehr außergewöhnliches getan. Er hat sein Leben ziemlich umgekrempelt und ist aus seiner Heimat weggezogen an einen anderen Ort, um dem Schulzwang zu entgehen, der ja in Deutschland leider mit aller Härte durchgesetzt wird, wenn man versucht, Alternativen für seine Kinder zu finden.

Ben schildert in diesem Gespräch seine Erfahrungen als homeschoolender Papa und gewährt uns interessante Einblicke, wie das funktioniert und welche Folgen Homeschooling mit sich bringt. Nach dem Gespräch hatten wir noch die Chance ein paar Worte mit seiner siebenjährigen Tochter zu wechseln, was uns besonders gefreut hat.

Etwas stolz macht es uns natürlich auch, dass wir einen kleinen Anteil an Bens Entscheidung hatten und dass er sie nicht bereut.

Wir danken Ben für seinen Mut und würden uns gerne in Zukunft öfter mit ihm unterhalten und weiter mit ihm und seiner Familie in Kontakt bleiben.

Bens Buchempfehlungen:
John Taylor Gatto: Verdummt noch mal!

Grace Llewellyn: Das Teenager Befreiungs Handbuch

„…und ich war nie in der Schule“ von André Stern

Birgit Kelle

Albert Einstein hatte es schon früh erkannt: »Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.«

Es ist schwer, als schwarzes Schaf in einer Gruppe zu bestehen oder gar als Wolf. Zu groß ist oft der Zwang, sich seiner eigenen »Herde« zu beugen. Man will dazugehören, anerkannt und ein Teil der Gemeinschaft sein. Schon als Erwachsener ist es nicht leicht, doch wie Forscher gerade herausfanden, stehen schon kleinste Kinder unter dem gleichen Druck, den wir als Erwachsene täglich spüren im Privatleben, bei der Arbeit und in der Öffentlichkeit. Der renommierte kanadische Entwicklungspsychologe Gordon Neufeld beschreibt in seinem Buch Unsere Kinder brauchen uns die Gleichaltrigenorientierung als die Zerstörung der persönlichen Entwicklung schon kleinster Kinder.

Schon Vierjährige beugen sich der Meinung der Gruppe – auch wenn sie sicher wissen, dass die anderen im Unrecht sind. Bereits in diesem jungen Alter passen sie sich – offenbar aus Scheu vor Konflikten – der Meinung anderer an, wenn sie mit der Wahrheit alleine da stehen.

Auch in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Child Development veröffentlichten Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und Wissenschaftler für Psycholinguistik im niederländischen Nimwegen die Ergebnisse einer Studie mit 96 vierjährigen Jungen und Mädchen. Das Ergebnis: Die Kinder unterstützten in Tests in der Mehrheit selbst dann die Meinung ihrer Kameraden, wenn sie diese für falsch hielten. Wobei der Prozentsatz dieser Kinder höher war, wenn sie ihr Urteil den Gleichaltrigen selbst laut mitteilen mussten. Die Kinder hielten eher nur dann an ihrer ehrlichen, inneren Überzeugung fest, wenn sie diese nicht öffentlich, sondern nur einem Erwachsenen mitteilen mussten. Also wenn sie es heimlich tun konnten, ohne dass ihre Freunde es mitbekommen.

Als Ursache für das Verhalten vermuten die Forscher grundlegende soziale Erwägungen, etwa den Wunsch, von der Gruppe akzeptiert zu werden. Offensichtlich haben schon Kinder im Alter von vier begriffen, dass es nicht so einfach ist, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, wenn man mit seiner Meinung auf weiter Flur steht. Sie vermeiden also bereits in jungen Jahren, mit der Gruppe in Konflikt zu geraten, auch wenn sie dafür ihre persönlichen Überzeugungen opfern. Als Reaktion passen sie ihre öffentliche Meinung der Mehrheit an und behalten ihre innere Überzeugung für sich. Schon im Kindergarten regiert demnach der Mainstream.

Gordon Neufeld berichtet von der Gefahr der konkurrierenden Bindungen, welche die elterliche Autorität und Liebe untergraben und die zunehmende Fokussierung auf Gleichaltrige verstärken. Die natürliche Ordnung wird unterbrochen, die Kinder können die elterliche Anleitung, ihre Führung und deren Vorbilder nicht mehr erkennen.

Welche Art von Erwachsenen wohl aus angepassten Gruppenkindern werden wird? Das Experiment ist doppelt traurig: Einerseits zeigt es, dass der Gruppenzwang in unserer Gesellschaft insgesamt sehr stark ist und alle Altersklassen betrifft – und das, obwohl wir uns bemühen, ein Volk von Individualisten zu sein. Andererseits zeigt es, dass die Weichen schon in früher Kindheit gelegt werden. Bereits dann entscheidet sich, ob wir es wagen, gegen alle die Stimme zu erheben.

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Die Bertelsmann-Stiftung, unsere Kinder und die Verdummungsmaschine

Veröffentlicht: 31. Oktober 2011 von infowars in Erziehung, Medien

Hilfe, unsere Kinder verdummen! Was nach einer RTL-II-Nachmittagssendung klingt, ist eine ernst gemeinte Befürchtung von Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung. Wie er darauf kommt? Ganz einfach: Unzählige Eltern kümmern sich in Deutschland selbst um ihre Kinder bis zum dritten Lebensjahr und geben sie stattdessen nicht in eine staatliche Krippe. Dort gehören sie nach Meinung von Herrn Dräger aber mal besser hin. Deswegen äußerte er sich vergangenen Sonntag in einer Sendung des WDR auch mit den Worten, man müsse aufpassen, dass das Betreuungsgeld nicht zu einer »Verdummungsprämie« für Kinder werde.

 

Das Wort hat großes Potenzial, zum Unwort des Jahres 2011 zu werden und reiht sich ein in andere beleidigende Wortschöpfungen wie »Heimchen am Herd« und »Herdprämie«, die derzeit die Debatte rund um die Einführung eines Betreuungsgeldes bestimmen. Klar ist, wohin die Strategie führt. Es soll ein für allemal klargestellt werden, dass einerseits Frauen, die zu Hause bleiben in den ersten Lebensjahren ihres Kindes, eben nichts weiter können, als am Herd rum zu stehen. Und

jetzt kommt noch die infame Behauptung dazu, dass auch die Kinder, denen man die ach so professionelle Betreuung in einer staatlichen Einrichtung böswillig vorenthält, damit ebenfalls verdummen.

Es ist nicht nur beleidigend, sondern auch noch falsch, was Herr Dräger da im Namen der Bertelsmann-Stiftung propagiert. Herr Dräger fühlt sich jedoch bestätigt durch hauseigene Studien der Stiftung, die angeblich beweisen können, dass Kinder, die in einer Krippe erzogen werden, anschließend eine viel höhere Wahrscheinlichkeit aufweisen können, auf dem Gymnasium zu landen, als jene Kinder, die zu Hause bei ihren Eltern ihre erste Lebenszeit verbracht haben. Diese Kinder sind dann später angeblich reicher und klüger. Unter Wissenschaftlern gilt diese »Studie« als sehr umstritten, sie bemängeln, dass hier Dinge in Zusammenhang gebracht werden, die nicht zwangsläufig in einem kausalen Zusammenhang stehen. Sprich: Es werden Zahlen gegenübergestellt, es wird aber nicht danach gefragt, ob und welche Ursachen diese hervorbringen.

Tatsächlich gibt es weltweit noch keine einzige Studie, die hätte nachweisen können, dass es Kindern mehr nützt als schadet, wenn sie so früh wie möglich von ihren Eltern getrennt werden. Der Schaden lässt sich allerdings schon nachweisen. So haben die Ergebnisse der amerikanischen NICHD-Langzeitstudie ergeben, dass sich eine frühe Krippenbetreuung bis später im Erwachsenenalter negativ auswirken kann. Die Auswirkungen waren umso deutlicher messbar, je früher und je länger die Kinder in eine fremde Betreuung kamen.

Mit gesundem Menschenverstand braucht man solche Studien nicht einmal. Eigentlich weiß auch die Politik, dass der Einfluss der Eltern gerade in Deutschland enorm wichtig ist für die spätere Bildung und den Erfolg der Kinder. In keinem anderen europäischen Land ist der Bildungserfolg der Kinder derart abhängig vom Elternhaus. Sprich: Kinder die von ihren Eltern intensiv begleitet werden, die nach den Hausaufgaben schauen und ihre Kinder im Lernen bestärken, kommen weiter voran als diejenigen, deren Eltern sich aus den unterschiedlichsten Gründen nicht darum kümmern können. Das ist inzwischen bildungspolitische Binsenweisheit. Doch anstatt anhand dieser Ergebnisse endlich die Eltern zu stärken in ihrem Handeln, wird bei uns in Deutschland genau das Gegenteil gemacht: Wir versuchen, den Einfluss des Elternhauses immer weiter zurückzudrängen und die Kinder in Ganztagskindergärten und Ganztagsschulen – möglichst verpflichtend – von ihren Eltern fernzuhalten. Logisch ist das nicht, es ist Politik!

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Lernen ohne Schule

Veröffentlicht: 22. Juli 2011 von infowars in Erziehung, Politik

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(05.06.2011) Dagmar Neubronner schildert in diesem Gespräch wie es kam, dass sie und ihr Mann trotz großer Bedenken den beiden Söhnen Moritz und Thomas erlaubten, frei zu lernen – ohne Schule und mittlerweile ohne jeglichen Pflichtunterricht.

 

Peter Schipek: Frau Neubronner – Sie sind die bekannteste Homeschooler-Familie Deutschlands. Was dürfen wir uns unter „Freilerner“ vorstellen, wie funktioniert „Homeschooling“?

 

Dagmar Neubronner: Streng genommen bezeichnen die beiden Begriffe ganz unterschiedliche Bildungsformen. In dem ZDF-Film 37 Grad zum Thema sind beide Formen angedeutet. Homeschooling ist eine Art Familien-Zwergschule zu Hause, bei der die Eltern als Lehrer fungieren und den Kindern einen festen Lehrplan vorgeben. Bei dem von unseren Söhnen praktizierten Freilernen folgen die Kinder ihren eigenen Entwicklungsimpulsen und entwickeln bzw. behalten selbst die Verantwortung für das, was sie tun wollen. Und sie wollen nicht abstrakt „lernen“, sondern handelnd leben. Wir Eltern unterstützen sie dabei in einer beratenden Funktion, sorgen für Material, geben Tipps und Anregungen, stehen für Erklärungen, Gespräche etc zur Verfügung, bieten Unternehmungen an und ermöglichen unseren Kindern den Alltag in der „realen“ Welt (auf die Schule ja nur vorbereiten soll), vertrauen aber ansonsten der „intrinsischen Lernmotivation“ unserer Kinder. In den meisten sogenannten Homeschool-Familien wird eine Mischform aus diesen beiden Polen gelebt. Viele starten mit stark strukturiertem Homeschooling und landen nach und nach beim Freilernen, weil die Eltern merken, wie stark der Impuls, die Welt zu erforschen bei ihren Kindern natürlicherweise ist. Es gibt eine sehr große Begeisterungskraft dafür, sich Kulturtechniken zu erarbeiten, kreativ zu sein und sich aktiv einzubringen, besonders wenn sich Kinder von der Schulerfahrung, die auf viele eher lähmend wirkt, erholt haben. Die Struktur dieses „informellen Lernens“ ist äußerlich meist erst im Nachhinein erkennbar, sie folgt dem inneren Entwicklungsplan eines jeden Kindes, ist daher vollkommen individuell und wird von den Kindern auch gar nicht als „Lernen“ erlebt, Auch jeder unserer Söhne folgt, obwohl sie sehr viel gemeinsam machen, einem ganz unterschiedlichen inneren Programm, das sich übrigens nicht um Lernen dreht, sondern um die Projekte, die sie verwirklichen wollen. Dabei erfolgt das Lernen nebenbei, unbemerkt und eingebettet in den begeisterten Eifer, mit dem sie ihre Pläne verfolgen. Wir als Eltern mussten erst lernen, dieses begeisterte Handeln als Lernen zu erkennen, denn es geht weit über abgepackte, zweckfreie Wissensmodule hinaus. Unsere Kinder interessieren sich z.B. nicht im Mindesten für Rechtschreibung, es gibt ja auch niemanden, der sie dafür lobt oder tadelt oder zensiert. Sie wollen aber mit ihrer eigenen Homepage eine gute Wirkung erzielen und möchten deswegen dort unter anderem keine Rechtschreibfehler haben. Also versuchen sie dafür zu sorgen. Sie würden aber nicht sagen „Ich lerne jetzt Rechtschreibung“. Sie optimieren einfach ihre Homepage.

 

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