Mainstream-Stress von Anfang an: der Kampf im Kindergarten

Veröffentlicht: 5. November 2011 von infowars in Erziehung, Wissenschaft/ Technik

Birgit Kelle

Albert Einstein hatte es schon früh erkannt: »Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.«

Es ist schwer, als schwarzes Schaf in einer Gruppe zu bestehen oder gar als Wolf. Zu groß ist oft der Zwang, sich seiner eigenen »Herde« zu beugen. Man will dazugehören, anerkannt und ein Teil der Gemeinschaft sein. Schon als Erwachsener ist es nicht leicht, doch wie Forscher gerade herausfanden, stehen schon kleinste Kinder unter dem gleichen Druck, den wir als Erwachsene täglich spüren im Privatleben, bei der Arbeit und in der Öffentlichkeit. Der renommierte kanadische Entwicklungspsychologe Gordon Neufeld beschreibt in seinem Buch Unsere Kinder brauchen uns die Gleichaltrigenorientierung als die Zerstörung der persönlichen Entwicklung schon kleinster Kinder.

Schon Vierjährige beugen sich der Meinung der Gruppe – auch wenn sie sicher wissen, dass die anderen im Unrecht sind. Bereits in diesem jungen Alter passen sie sich – offenbar aus Scheu vor Konflikten – der Meinung anderer an, wenn sie mit der Wahrheit alleine da stehen.

Auch in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Child Development veröffentlichten Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und Wissenschaftler für Psycholinguistik im niederländischen Nimwegen die Ergebnisse einer Studie mit 96 vierjährigen Jungen und Mädchen. Das Ergebnis: Die Kinder unterstützten in Tests in der Mehrheit selbst dann die Meinung ihrer Kameraden, wenn sie diese für falsch hielten. Wobei der Prozentsatz dieser Kinder höher war, wenn sie ihr Urteil den Gleichaltrigen selbst laut mitteilen mussten. Die Kinder hielten eher nur dann an ihrer ehrlichen, inneren Überzeugung fest, wenn sie diese nicht öffentlich, sondern nur einem Erwachsenen mitteilen mussten. Also wenn sie es heimlich tun konnten, ohne dass ihre Freunde es mitbekommen.

Als Ursache für das Verhalten vermuten die Forscher grundlegende soziale Erwägungen, etwa den Wunsch, von der Gruppe akzeptiert zu werden. Offensichtlich haben schon Kinder im Alter von vier begriffen, dass es nicht so einfach ist, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, wenn man mit seiner Meinung auf weiter Flur steht. Sie vermeiden also bereits in jungen Jahren, mit der Gruppe in Konflikt zu geraten, auch wenn sie dafür ihre persönlichen Überzeugungen opfern. Als Reaktion passen sie ihre öffentliche Meinung der Mehrheit an und behalten ihre innere Überzeugung für sich. Schon im Kindergarten regiert demnach der Mainstream.

Gordon Neufeld berichtet von der Gefahr der konkurrierenden Bindungen, welche die elterliche Autorität und Liebe untergraben und die zunehmende Fokussierung auf Gleichaltrige verstärken. Die natürliche Ordnung wird unterbrochen, die Kinder können die elterliche Anleitung, ihre Führung und deren Vorbilder nicht mehr erkennen.

Welche Art von Erwachsenen wohl aus angepassten Gruppenkindern werden wird? Das Experiment ist doppelt traurig: Einerseits zeigt es, dass der Gruppenzwang in unserer Gesellschaft insgesamt sehr stark ist und alle Altersklassen betrifft – und das, obwohl wir uns bemühen, ein Volk von Individualisten zu sein. Andererseits zeigt es, dass die Weichen schon in früher Kindheit gelegt werden. Bereits dann entscheidet sich, ob wir es wagen, gegen alle die Stimme zu erheben.

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