Tetanus-Impfung: Mythen und Fakten

Veröffentlicht: 12. Dezember 2012 von infowars in Gesundheit, Impfung, Wissenschaft/ Technik

Von HANS U. P. TOLZIN

Wundstarrkrampf gilt in unseren Breiten als eine der schrecklichsten Infektionskrankheiten überhaupt. Ambulanzärzte geraten nicht selten in schiere Panik, sobald sie mit der Verletzung eines nicht gegen Tetanus geimpften Kindes konfrontiert werden. Selbst in impfkritischen Familien ist diese Impfung in der Regel die letzte, die fällt. Doch wie hoch ist das Risiko, an Tetanus zu erkranken wirklich? Und welche nachvollziehbaren Fakten sprechen für eine Wirksamkeit und Sicherheit der Tetanus-Impfstoffe?

Clostridium tetani: das Bakterium, das mit seinem Stoffwechselgift für die schrecklichen Krankheitserscheinungen beim Wundstarrkrampf verantwortlich gemacht wird. Doch wie bedrohlich ist es in unseren Breiten wirklich? (Bild: Wikimedia Commons)

 

Tetanus-Bakterien sind licht- und sauerstoffempfindlich. So steht es im Ärzte-Merkblatt des Robert-Koch-Instituts (RKI), der deutschen Seuchenbehörde. Für eher oberflächliche Wunden, die Luft und Licht ausgesetzt sind, besteht demzufolge selbst aus schulmedizinischer Sicht keine Tetanusgefahr. Anders verhalte es sich bei tieferen Wunden, insbesondere dann, wenn sie verunreinigt sind und nicht bluten. Würde eine tiefere Wunde dagegen gut durchblutet, so das RKI weiter, könnten Anaerobier1 nicht überleben. Gefährdet seien insbesondere verschmutzte Wunden und solche, in denen sich zerstörtes Gewebe befindet. Deshalb gehört es auch zu den Aufgaben des behandelnden Arztes, eine Wunde nach allen Regeln der Kunst zu reinigen und dafür zu sorgen, dass ggfs. Eiter und andere Wundsekrete abfließen können.

Es ist allgemein unbestritten, dass die Einführung hygienischer Bedingungen bei der Wundversorgung, so etwa durch Ignaz Semmelweis (erstmals 1848) und Joseph Lister (ab 1867), eine wesentliche Ursache für den Rückgang von Wundinfektionen (einschließlich Tetanus) dargestellt hat. Dazu kam im Verlauf des ersten Weltkriegs ein Wandel in der chi­rurgischen Wundversorgung: Der Arzt und Homöopath Johann Loibner, der sich intensiv mit der Tetanusfrage auseinandersetzte, erklärt dazu: „Anfangs wurden die Wunden meist primär verschlossen. Später legte man Wert auf die Wundexzision (Ausschneidung) und die Entfernung nekrotischer (abgestorbener) Teile.“2

Tetanus ist vorwiegend eine Erkrankung alter Menschen

Wie hoch ist nun aber das Tetanus-Restrisiko hierzulande tatsächlich?

Ausgehend von einer jährlichen Geburtenzahl von ca. 700.000 Kindern und einer maximalen Durchimpfungsrate von etwa 97 % (laut Einschulungsuntersuchung) bleiben alljährlich wenigstens 21.000 Kinder in Deutschland ungeimpft. Das macht nach Adam Riese mindestens 210.000 Kinder bis zum Alter von zehn Jahren bzw. 315.000 Kinder bis fünfzehn. Es ist davon auszugehen, dass sich bis zu diesem Alter nahezu jedes Kind mehrmals leichter oder schwer verletzt haben wird. Dennoch traten in Deutschland in den letzten 30 Jahren keine Todesfälle von Kindern unter 15 Jahren auf. Es gab sogar nur einen einzigen Todesfall unter 40 Jahren (bei unbekanntem Impfstatus). Über alle Altersgruppen gerechnet lag die jährliche Zahl der Todesfälle im gleichen Zeitraum bei weniger als zehn Fällen, in den letzten Jahren sogar bei weniger als fünf.

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Tetanus ist also vorwiegend, wie auch die Todesfallstatistik des statistischen Bundesamtes zeigt, eine Erkrankung alter Menschen ab 70 Jahren.3 Mit jährlich weniger als 20 statistisch erfassten Krankheitsfällen ist er in Deutschland überhaupt außerordentlich selten. Dies war wohl auch früher nicht anders. Arthur Nicolaier, gefeierter Pionier der Tetanusforschung und späterer Medizinprofessor, schrieb bereits 1885 in seiner Doktorarbeit:„In unserem Klima ist Tetanus eine relativ seltene Krankheit. Das größte Kontingent zu derselben stellen bei uns neugeborene Kinder, bei denen der Starrkrampf zur Zeit der Nabelabstoßung auszubrechen pflegt.“4 Selbst der Neugeborenen-Tetanus, der in manchen sehr armen Ländern weiterhin ein Problem darstellt, ist durch einfache hygienische Maßnahmen weitgehend in den Griff zu bekommen: Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde in China zwischen 1948 und 1971 allein auf diese Weise die Tetanusrate um mehr als 99 % gesenkt!

Für die Impfstoffhersteller und die zuständigen Gesundheitsbehörden ist es ein ausreichend hoher Antikörperspiegel im Blut (Titer), der die Immunität gegen Tetanus garantieren soll. Deshalb wird bei Zulassung von Tetanus-Impfstoffen durch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) im Rahmen des Wirkungsnachweises ausschließlich die Höhe des Titers gemessen.5

Die Wahrscheinlichkeit, an Tetanus zu erkranken, ist hierzulande geringer als an einem Blitzschlag zu sterben

Verschiedene Untersuchungen legen nahe, dass möglicherweise weitaus mehr als die erwähnten drei Prozent Ungeimpfte über zu wenig Antikörper gegen das Tetanustoxin, das für die schlimmen Krankheitserscheinungen verantwortlich ist, verfügen: Vielleicht sind es sogar bis zu 50 %­ und mehr, deren Titer – ob nun geimpft oder nicht – nicht ausreichend sei.6 Das wären in Deutschland im Extremfall mehr als 40 Millionen Menschen, die – der Logik der Behörden und Hersteller folgend – gefährdet sein müssten. Die Zahl der aufgetretenen Krankheitsfälle spricht jedoch eine andere Sprache: Wie oben erläutert gibt es hierzulande, nur etwa zwei Handvoll Erkrankungen und eine Handvoll Todesfälle pro Jahr. Das Risiko, an Tetanus zu erkranken, liegt bei uns – trotz vieler tausend Unfälle und Verletzungen – unter der statistischen Wahrscheinlichkeit, an einem Blitzschlag zu sterben.

Aber es kommt noch besser: Selbst eine hohe Antikörperkonzentration scheint kein Garant für eine Nichterkrankung zu sein! In der vom Autor herausgegebenen Zeitschrift „impf-report“ wird auf drei Publikationen Bezug genommen, die von Tetanuserkrankungen trotz nachweislich hohem Titer berichten.7 Auch das RKI wundert sich in seinem Epidemiologischen Bulletin Nr. 24/20088 über einen Erkrankungsfall trotz ausreichendem Antikörper-Titer und kommt zu dem Schluss, dass es wohl zwei Arten von Tetanus-Antikörpern geben muss: solche, die schützen, und solche, die nicht schützen. Es ist somit völlig unklar, wer unter den Personen mit ausreichend hohem Titer auch tatsächlich geschützt ist.

Angesichts dieser widersprüchlichen Datenlage muss es irritieren, wenn das RKI auf der einen Seite zwar zwischen tetanusgefährdeten und nicht tetanusgefährdeten Wunden unterscheidet, andererseits jedoch pauschal in beiden Fällen die aktive und passive Impfung empfiehlt. Kritiker bemängeln, dass die Impfung nach dem Gießkannenprinzip und ohne Rücksicht auf die individuelle Situation verabreicht wird. Hier hilft als Argument noch nicht einmal der bei anderen Impfungen häufig propagierte Herdenschutz, denn eine Ansteckung von Mensch zu Mensch gilt bei Tetanus als unmöglich.

Auf Nachfrage konnte weder das RKI noch das PEI Studien vorlegen, aus denen eindeutig hervorgeht, dass Personen mit einem hohen Tetanus-Antikörperspiegel seltener an Wundstarrkrampf erkranken als Personen ohne nachweisbaren Titer.5, 11 Es kann also nicht ausgeschlossen werden, dass die angebliche Schutzwirkung von Antikörpern lediglich auf einem medizinischen Dogma beruht. Die Rolle der so genannten Antikörper im Krankheitsgeschehen scheint entgegen der herrschenden Lehrmeinung nicht eindeutig geklärt zu sein.

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