Wie der Staat die Krise des Gesundheitssystems beendete

Veröffentlicht: 19. September 2012 von infowars in Geschichte, Politik, Video Clips, Voluntarismus, Wirtschaft

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Krankenversicherungen, die funktionierten – bis der Staat sie “repariert” hat


von Roderick T. Long

Heute wird uns ständig erzählt, dass es in den Vereinigten Staaten eine Krise des Gesundheitssystems gäbe. Die Ausgaben seien zu hoch und die Armen könnten sich keine Krankenversicherung mehr leisten. Die Ursache dieser Krise ist unklar, aber die Lösung steht für die meisten schon fest: Der Staat muss einschreiten und sich um das Problem kümmern.

Vor 80 Jahren wurde den Amerikanern erzählt, dass es in ihrem Land eine Krise des Gesundheitssystems gäbe. Damals beschwerte man sich, dass die Kosten zu niedrig und Krankenversicherungen zu billig seien. Auch damals schritt der Staat ein, um dieses Problem zu lösen. Und wie er es löste!

Im Großbritannien, Australien und den Vereinigten Staaten des späten 19. und frühen 20. Jahrhundert waren es die Bruderschaften, die der Arbeiterklasse Zugang zum Gesundheitssystem und zu Krankenversicherungen ermöglichten. Bruderschaften (in Großbritannien und Australien nannte man sie „Unterstützungskassen“) waren freiwillige Vereinigungen zur gegenseitigen Hilfe. Heute gibt es sie noch als Shriner, Elks, Masons und vergleichbare Organisationen, aber diese spielen nicht mehr die gleiche zentrale Rolle im Leben der Amerikaner, wie damals.

Noch 1920 waren mehr als ein Viertel aller erwachsenen Amerikaner Mitglieder von Bruderschaften. (In Grossbritannien und Australien war der Anteil noch höher.) Besonders beliebt waren die Bruderschaften bei Schwarzen und Immigranten. (Teddy Roosevelts bekannter Angriff auf die „Amerikaner mit Bindestrichen” war zum Teil auf seine Ablehnung der Bruderschaften der Immigranten zurückzuführen; er und andere Progressive wollten die Immigranten „amerikanisieren“, indem sie sie vom demokratischen Staat abhängig machten, anstatt sie in ihren eigenen unabhängigen ethnischen Gemeinschaften zu belassen.)

Das Prinzip der Bruderschaften war einfach. Die Arbeiter gründeten einen Verein (oder traten einer lokalen Abteilung, oder „Loge“, eines existierenden Vereins bei) und zahlten monatliche Beiträge in die Vereinskasse ein; einzelne Mitglieder erhielten dann bei Bedarf Geld aus der Kasse. Die Bruderschaften funktionierten also wie eine Art Selbsthilfeversicherungsgesellschaft.

Zur Jahrhundertwende gab es in Amerika eine sehr große Anzahl an Bruderschaften. Einige bestanden aus bestimmten ethnischen oder religiösen Gruppen; andere nicht. Viele boten ihren Mitgliedern Unterhaltung und ein Sozialleben oder übernahmen Gemeinschaftsdienste. Einige „Bruder“schaften bestanden ausschliesslich aus und für Frauen. Die Angebote, aus denen die Mitglieder auswählen konnten, waren sehr verschieden. Die häufigsten waren aber Lebensversicherung, Arbeitsunfähigkeitsversicherung und die „Logenpraxis.“

Die „Logenpraxis“ bezieht sich auf eine Einrichtung, die einer Gesundheitsvorsorge-Organisation gleicht. Darin schloss eine bestimmte Loge einen Vertrag mit einem Arzt, der die Mitglieder der Loge ärztlich betreute. Der Arzt erhielt eine regelmäßige Vergütung anstatt pro Behandlung bezahlt zu werden. Die Mitglieder zahlten eine jährliche Gebühr und ließen sich bei Bedarf von ihm behandeln. Wenn sich seine Leistung als unbefriedigend herausstellte, wurde der Arzt sanktioniert und sein Vertrag wurde eventuell nicht verlängert.

Berichten zufolge betrachteten die Logenmitglieder die Kontrollmöglichkeit durch dieses System als großen Vorteil. Die „Selbstkontrolle“ der Bruderschaft verhinderte, dass der Arzt unnötig oft aufgesucht wurde; für die Mitglieder gab es einen Anreiz, dieses zu verhindern, da sich sonst die Beiträge erhöhten.

Besonders bemerkenswert waren die niedrigen Kosten, zu denen die Gesundheitsleistungen angeboten wurden. Zur Jahrhundertwende lagen die durchschnittlichen Kosten der „Logenpraxis“ für ein einzelnes Mitglied zwischen einem und zwei Dollar pro Jahr. Der Lohn eines Tages reichte für ein ganzes Jahr ärztliche Versorgung. Im Gegensatz dazu lagen die durchschnittlichen Kosten für Gesundheitsleistungen auf dem regulären Markt zwischen einem und zwei Dollar pro Besuch. Trotzdem kämpften die zugelassenen Ärzte hart um die Verträge mit den Logen, vor allem die Ärzte, die nicht in bekannten medizinischen Fakultäten ausgebildet wurden – vielleicht wegen der Sicherheit dieser Verträge – und dieser Konkurrenzkampf hielt die Kosten niedrig.

Das medizinische Establishment war empört – sowohl in Amerika als auch in Grossbritannien. Die Logenpraxis wurde hart angegriffen und es wurde Weltuntergangsstimmung gemacht. Viele Ärzte beklagten, dass sie die niedrigen Honorare in den Bankrott treiben würden. Sie sahen es als Beleidigung ihres Berufsstandes an, dass sich ausgebildete Ärzte darum bewerben mussten, der Unterschicht zu dienen. Besonders verabscheuungswürdig fanden sie, dass es solch ungebildeten und sozial minderwertigen Leuten erlaubt wurde, das Honorar für die Dienste der Ärzte festzulegen und zu beurteilen, ob ihre Dienste befriedigend seien. Sie forderten den Staat dazu auf, zu handeln.

Und das tat er dann auch.

In Grossbritannien beendete der Staat das „Übel“ der Logenpraxis, indem er das Gesundheitssystem unter seine politische Kontrolle brachte. Die Honorare der Ärzte wurden nun von einem Gremium aus ausgebildeten Experten festgelegt (das heisst, von den Ärzten selber) anstatt von den dummen Patienten. Die staatlich finanzierte ärztliche Betreuung verdrängte die Logenpraxis; für jene, die dazu gezwungen wurden, Steuern für das sogenannte „kostenlose“ Gesundheitsystem zu zahlen, egal ob sie sie das wollten oder nicht, gab es keinen Anreiz mehr, zusätzlich für ein Gesundheitssystem der Bruderschaften zu zahlen. Sie nutzten lieber die Leistungen der Regierung, für die sie ohnehin Steuern zahlen mussten.

In Amerika dauerte es länger, bis das Gesundheitssystem sozialisiert war. Das ärztliche Establishment musste seine Ziele auf indirekterem Weg erreichen; aber das Ergebnis war das gleiche. Ärztevereinigungen wie die American Medical Association (AMA) führten Sanktionen für Ärzte ein, die es wagten, Logenpraxisverträge abzuschließen. Das hätte kaum funktioniert, wenn die Ärztevereinigungen nicht Zugang zur Staatsmacht gehabt hätten; aber durch die Privilegien, die ihnen vom Staat eingeräumt wurden, kontrollierten sie das ärztliche Zulassungsverfahren. Und dadurch stellten sie sicher, dass allen Abweichlern das Recht verwehrt wurde, ihren Arztberuf auszuüben.

Die Kontrolle der Zulassungsverfahren ermöglichte dem ärztlichen Establishment einen verdeckteren Weg, um die Logenpraxis zu bekämpfen. Die AMA führte strengere Zulassungsvorschriften als je zuvor ein. Sie behauptete, dadurch die Qualität der Arztleistungen zu erhöhen. Aber das Ergebnis war, dass die Anzahl der Ärzte zurückging, dass die Konkurrenz geringer wurde und die Honorare steigen konnten; es gab immer weniger Ärzte, die sich um Logenpraxisverträge bemühten. Die künstliche Beschränkung des Angebots führte zu höheren Preisen – und zur besonderen Belastung für die Bruderschaftsmitglieder der Arbeiterklasse.

Den letzten Todesstoss versetzten die Bruderschaften selbst der Logenpraxis. Der National Fraternal Congress sprach sich für Gesetze aus, die den Bruderschaften eine Mindestgebühr für die Mitgliedschaft rechtlich garantieren sollte. Ebenso wie die AMA versuchten sie dadurch in den Genuss der Vorteile einer Kartellbildung zu kommen. Zum Leidwesen der Lobbyisten waren die Bemühungen erfolgreich. Die unbeabsichtigte Konsequenz war, dass durch die Mindestgebührgesetze die Dienste der Bruderschaften nicht mehr konkurrenzfähig waren.

Dadurch führten die Bemühungen des National Fraternal Congress nicht zur Bildung eines funktionierenden Selbsthilfekartells, sondern zur Zerstörung der Marktnische für die Bruderschaften – und mit ihr zur Zerstörung eines kostengünstigen Gesundheitssystems für die Arbeiter.

Warum ist das Gesundheitssystem heute in der Krise? Weil die Regierung die letzte Krise des Gesundheitssystems „gelöst“ hat.

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