Rezension der neuen Wikileaks-Bücher von Daniel Domscheit-Berg und dem SPIEGEL [Teil 1]

Veröffentlicht: 20. Februar 2011 von infowars in Buchtip, internet
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Rezension der neuen Wikileaks-Bücher von Daniel Domscheit-Berg und  dem SPIEGEL [Teil 1]

Zwei aktuell im Buchhandel erschienene Werke versprechen den größtmöglichen Einblick in die Whistleblower-Truppe von Wikileaks; der Aussteiger aus Deutschland Daniel Domscheit-Berg veröffentlichte über den Econ-Verlag “inside Wikileaks – Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt”, der SPIEGEL-Verlag beschert uns “Staatsfeind Wikileaks – Wie eine Gruppe von Netzaktivisten die mächtigsten Nationen der Welt herausfordert” von Marcel Rosenbach und Holger Stark.

Die meisten Rezensionen von Inside Wikileaks enthalten die gleichen Zitate; so gut wie alle davon stammen aus den ersten 80 Seiten des Buchs und viele davon sind auch noch Nebenaspekte von Nebenaspekten. Gemeint ist: Julian Assange hätte Domscheit-Bergs Katze drangsaliert oder ihm den Leberkäs weggegessen. Es entsteht der Eindruck, die Rezensenten haben nur die ersten 80 Seiten gelesen, vielleicht noch ein oder zwei weitere Stellen darüberhinaus, und gedacht:

“Das ist der Aufhänger: Eine schrecklich nette Hacker-Familie bringt die USA ins Schwitzen.”

Eine Rezension verglich das Ganze mit Watson und Sherlock Holmes. Assange sei der Akteur, alle anderen nur Beobachter und Erzähler. Wie bei berühmten Rock- und Popbands sind die Musiker, die Plattenfirma, die Zeitungen und diverse Drittverwerter der Industrie schon froh, wenn sich das Publikum zumindest an den Bandnamen erinnert und vielleicht an den Namen und das Gesicht des Sängers. Alles andere ist für ein Massenpublikum schon wieder viel zu kompliziert. Bei Wikileaks versuchen die meisten Medien, mit möglichst simpler Berichterstattung Leser anzuziehen, Hefte zu verkaufen, ihren jeweiligen politischen Spin zu vermitteln. Das Buch vermittelt jedoch ein ganz anderes, viel realistischeres Bild. Domscheit-Berg beschreibt die Odyssee eines winzigen Kernteams von Leuten aus der IT- und Hackerszene, alle mit deutlichem Linksschlag und überholten anarchistischen Ideen im Kopf die in der Praxis regelmäßig zu Chaos führten. Assange wird beschrieben als jemand, der zu keinem Zeitpunkt irgendwelche herausragenden Fähigkeiten demonstriert, außer natürlich den schieren Willen zum Erfolg. Das zunächst nur von ihm und Domscheit-Berg entworfene System für den elektronischen Whistleblower-Postkasten sei verworren und unsicher gewesen, die Hardware “veralteter Schrott”. Irgendwann stößt dann der mysteriöse “Architekt” dazu, ein deutscher Programmierer von Weltklasse wie es heißt. Er entwarf ein weit fortgeschrittenes System das eigentlich nur er verwalten konnte, nahm es nach seinem Ausstieg Ende 2010 jedoch wieder mit und hinterließ Assange das alte, grottige System im ursprünglichen Zustand. Bis heute hat Wikileaks keinen funktionierenden E-Postkasten mehr. Birgitta Jonsdottir ist diejenige mit etwas realpolitischer Erfahrung und kann ein paar Türen öffnen für den geplanten Datenfreihafen in Island. Domscheit-Berg programmiert, organisiert Vorträge und Pressekonferenzen, schreibt Stiftungsanfragen, führt Interviews, feilt an der Technik, plant. Eine überschaubare Zahl an Freiwilligen übernimmt Aufgaben hier und da. Assange demonstriert keine besonderen Programmierfähigkeiten für das Projekt, seine Organisationstalente seien eine Katastrophe, Führungsqualitäten ebenso Fehlanzeige, er ist in der Öffentlichkeit schon mal höchst undiplomatisch, ist aber immerhin der Gründer der das nötige Bravado mitbringt um andere mitzuziehen. Was früh gravierend auffällt, ohne dass der Autor den Punkt hervorhebt, ist dass keiner der Beteiligten den anderen wirklich zu kennen schien. Die klandestine Truppe von Verschwörern hatte keine Möglichkeit, ihren jeweiligen Gegenüber zu prüfen, einen gründlichen Background-Check durchzuführen oder auch nur nachzuvollziehen, ob jemand auch wirklich alle Tassen im Schrank hat. 2010 stimmt das Kernteam schließlich mit den Füßen ab und hinterlässt Wikileaks als ziemlich leere Hülle.

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