Autos und Schusswaffen: Ein unmöglicher Vergleich?

Veröffentlicht: 18. Mai 2010 von infowars in Waffen
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von Bernd Lessing

Waffenrecht und Freiheit

In der Diskussion um das Waffenrecht wird bisweilen der Vergleich zwischen Schusswaffen und Autos ins Feld geführt. Waffengegner tun dies gerne als einen Vergleich zwischen „Äpfel und Birnen“ ab. Es lohnt sich jedoch, diesen Einwand zu ignorieren und den Vergleich im Detail zu durchdenken. Dabei tun sich erstaunliche Parallelen auf – und fundamentale Fragen von Freiheit und Unfreiheit.

Vorab kurz noch eine Anmerkung zu dem „Äpfel-Birnen-Einwand“: Selbstverständlich kann man Äpfel und Birnen miteinander vergleichen. In beiden Fällen handelt es sich um Gegenstände, in beiden Fällen handelt es sich um Obst. Beides wächst an Bäumen, ist ähnlich groß und zum menschlichen Verzehr geeignet. Die Gemeinsamkeiten zwischen Äpfel und Birnen sind also viel größer, als der Vorwurf des „Äpfel-Birnen-Vergleichs“ vorgaukelt.

Doch nun zum Vergleich zwischen Schusswaffen und Autos: Bei beidem handelt es sich um Gegenstände, die von Menschen hergestellt wurden, weil dafür ein Bedarf besteht. Zum Charakter eines jeden Gegenstands gehört, dass er passiv ist, also nicht selbst handelt und dementsprechend per se weder gut noch böse sein kann. Bei Autos nehmen wir dies als Selbstverständlichkeit hin, bei Waffen wird uns gerne eingeredet, sie seien an und für sich schon „böse“.

Autos und Schusswaffen haben zudem gemein, dass sie für ganz unterschiedliche Zwecke eingesetzt und aus ganz unterschiedlichen Motiven erworben werden. Auch dieser Umstand wird gerne ausgeblendet, ist aber für die weiteren Überlegungen zentral.

Autos benutzt man im Normalfall zum Fahren. Doch schon dabei gibt es Unterschiede in der Motivation: Die „notwendige“ Fahrt zur Arbeit hat zweifelsohne eine anderen Stellenwert als die „Spaßtour“ am Wochenende. Zudem nutzen Einzelne Autos auch für andere Zwecke: für Autorennen, als Sammelobjekte, als Fluchtfahrzeug bei Straftaten oder in seltenen Ausnahmefällen auch dazu, in Menschenmengen zu rasen und dabei Menschen zu töten oder zu verletzen.

Schusswaffen dienen in erster Linie zum Schießen – dazu wurden sie erfunden. Doch auch hier gibt es ganz unterschiedliche Anwendungsszenarien, von Militär und Polizei über die Jagd bis hin zu Sportschützen. Nur am Rande sei erwähnt, dass auch die Nutzung von Schusswaffen durch Privatpersonen zum Zweck der Selbstverteidigung ein „natürlicher“ Verwendungszweck ist, der in Deutschland zwar nicht mehr das Bedürfnis zum Besitz gemäß Waffengesetz rechtfertigt, sehr wohl aber durch die Notwehr-Regelungen des Strafgesetzbuches in bestimmten Fällen gedeckt ist. Und: Ja, auch von Kriminellen werden Schusswaffen verwendet, in ganz seltenen Fällen auch solche, die sich legal im Besitz des Täters befanden.

Diejenigen, die einen Vergleich zwischen Autos und Schusswaffen ablehnen, führen nun in der Regel zwei „Argumente“ an: Zum einen seien Autos ja zwingend für das Funktionieren unserer Wirtschaft und Gesellschaft notwendig, zum anderen seien Autos „neutral“, während Schusswaffen gezielt für etwas Böses, nämlich das Töten entwickelt wurden. Beide „Argumente“ lösen sich bei genauerem Hinsehen in Wohlgefallen auf.

Einerseits sind Autos für die meisten „Transportzwecke“ keineswegs zwingend. In vielen, wenn nicht den meisten Fällen könnten Fahrräder oder öffentliche Verkehrsmittel als Ersatz dienen. Wirtschaftlich und ökologisch dürfte dies im Regelfall günstiger sein, und ein Mangel an Komfort oder ein höherer Zeitaufwand ist zwar ein Argument, aber kein zwingendes für den Einsatz eines Autos. Zudem begeben sich die Vertreter der „Autos-sind-notwendig-Fraktion“ spätestens dann auf Glatteis, wenn es um den Einsatz für Freizeitfahrten oder die Nutzung im Autosport geht – beides ist nämlich keineswegs ein „unabdingbarer Zweck“. Insofern ist es in einer freiheitlichen Gesellschaft gut und richtig, dass man sich eben gerade nicht durch einen „zwingenden Grund“ für sein Tun rechtfertigen muss.

Auch das Argument, Schusswaffen seien zum Töten entwickelt wurden und allein deswegen nicht mit Autos zu vergleichen, steht auf sehr dünnem Eis: Wozu ein Gegenstand ursprünglich einmal gedacht war, ist bestenfalls von historischem oder theoretischem Interesse. Entscheidend ist, wozu er heute im Normalfall verwendet wird. Und da sind Schusswaffen genau wie Autos Alltagsgegenstände, die in der ganz überwiegenden Zahl der Fälle für legale und friedliche Zwecke verwendet werden. (Im Übrigen ist auch die Verwendung einer Schusswaffe zum Bedrohen, Verletzen oder Töten eines Menschen keineswegs per se „böse“: Nicht nur Vollstreckungsbeamte wie Polizisten, sondern jeder Bürger hat im Notwehrfall das Recht, einen Angreifer abzuwehren und dabei zu verletzen oder zu töten – mit bloßen Händen oder, wenn nicht anders möglich, auch durch Einsatz einer Schusswaffe.)

In der Diskussion um Waffen wird nun gerne mit deren Gefährlichkeit argumentiert. Ganz ohne Frage: Mit einer Schusswaffe lassen sich Menschen verletzen und töten. Allerdings: Mit einem Messer und einem Auto ebenfalls. Dass eine Schusswaffe dazu konstruktionsbedingt besser geeignet is, kann man zwar durchaus als Argument gelten lassen, über die (relative) Gefährlichkeit sagt dies jedoch nichts aus. Entscheidend ist doch schließlich nicht die latente, sondern die tatsächliche, belegbare Gefährlichkeit. Und zu deren Bewertung gibt es nur ein legitimes Mittel, und das ist die Statistik.

In Deutschland sind ca. 50 Millionen Autos zugelassen. Bei Verkehrsunfällen in Deutschland sterben jährlich rund 5.000 Menschen. Nun zum Vergleich: Deutsche Jäger und Sportschützen besitzen ca. 10 Millionen legale Schusswaffen, zudem befinden sich ca. 20 Millionen Waffen ohne entsprechende Erlaubnis im Besitz der Bundesbürger. Pro Jahr werden in Deutschland rund 100 Menschen durch Schusswaffen getötet. In den allermeisten Fällen handelt es sich bei den Tatwaffen um illegale Schusswaffen. Die objektive Gefährlichkeit von Schusswaffen, zumal solchen im Besitz von Jägern und Sportschützen, ist also statistisch klar belegbar massiv geringer als die Gefährlichkeit von Autos. (Nachlesen lässt sich all dies in der Polizeilichen Kriminalstatistik, wobei man genau lesen muss, um zum Beispiel Versuch und vollendete Taten zu differenzieren.)

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