Der amerikanische Häuserkampf

Veröffentlicht: 20. August 2007 von infowars in Bank Mafia/Finanzen, USA, Wirtschaft

tagesspiegel.de

Sie waren dumm, schwarz oder arm – und sie glaubten ihren Kreditvermittlern. Nun wanken Banken und Börsen auf der halben Welt

Von all den Geistern, die nachts in seinem Kopf herumfuhrwerken, ihn nur zwei, drei Stunden schlafen lassen, sind die am schlimmsten, die ihn an seine beiden Kinder erinnern. „Ich kann sie nicht sehen, sie können mich nicht sehen. Sie bekommen den Eindruck, dass ihr Vater nichts hinbekommt, ob sie wollen oder nicht. In ihren Augen bin ich ein Versager.“ Jeremiah Baldwin steht inmitten eines Raumes, von dem man sagen könnte, er sei eine Baustelle. Aber das hieße, dass es hier irgendwann weitergeht. Dass die nackten Rigipswände verspachtelt und gestrichen werden, dass im Kamin wieder ein Feuer brennt, dass die Dielen unter den Holzplatten geschliffen und versiegelt sind. Dass jemand die Vorhänge aufzieht und die Fenster öffnet, Licht hereinlässt und frische Luft.

Baldwin ist 30 und so um die zwei Meter lang. Ein Mann wie ein Baum, ein Händedruck wie ein Schraubstock. Er hat wilde, rotblonde Locken und Augen, die vor Energie funkeln. Oder vor Zorn. Wenn er sich umsieht in dem kleinen Haus in der 1930 Floral Avenue in Columbus, Ohio, sieht er eine Ruine. Die Trümmer seines Lebens. Seinen Bankrott.

Jeden Tag kann der Brief mit dem Ultimatum kommen, die Ankündigung der Zwangsversteigerung. 24 Stunden, so viel Zeit bleibt ihm dann, um eine neue Bleibe zu finden. „Wahrscheinlich schlafe ich erst einmal in meinem Van“, sagt er. Erst, wenn die Sache ganz vorbei ist, kann er mit seinem Leben neu beginnen. Von ganz unten.

So wie Baldwin geht es vielen. In der ersten Hälfte dieses Jahres waren allein im US-Bundesstaat Ohio 10 000 Familien gezwungen, ihre Wohnungen und Häuser zu versteigern. Im ganzen Land werden es bis Ende 2007 vielleicht zwei Millionen sein. „So schlimm war es seit der Großen Depression in den 30er Jahren nicht mehr“, sagt Richard Cordray, Finanzminister des Bundesstaates Ohio.

Cordray beschäftigt sich schon eine ganze Weile mit dem Problem. Bevor er 2006 zum Finanzminister des Bundesstaates gewählt wurde, bekleidete er dieselbe Position für das Franklin County, einen Landkreis mit einer der höchsten Zwangsversteigerungsraten in Ohio und damit in den USA.

Wer Cordray nach den Ursachen der Krise fragt, die mittlerweile neben der Wall Street auch Banken und Börsen in Europa, Asien und Australien zittern lässt, bekommt zur Antwort: „Es gibt eine Menge Schuld zu verteilen“, sagt er, „sehr aggressive Verleihungspraktiken der Banken haben sich gepaart mit dem Wunschdenken der Konsumenten.“ Wie zum Beispiel dem von Rhonda Dutton: „Ich war 36 Jahre alt“, sagt sie, „ich hatte es satt, Geld für Miete aus dem Fenster zu schmeißen. Ich wollte etwas Eigenes.“

Da traf es sich gut, dass eine Kollegin der Medizinisch-Technischen Assistentin jemanden kannte, der etwas Passendes zur Hand hatte. Die vier Zimmer sind gerade groß genug für Dutton und ihren Mann, einen pensionierten Pepsi-Cola- Arbeiter. Wenn eines der Enkelkinder zu Besuch kommt, gibt es ja noch den Keller. Um den Schimmel darin versprach der Verkäufer sich zu kümmern. Und eine Finanzierung hatte er auch parat.

Die Wohngegend rund um den Maurice Drive, eine Viertelstunde von Columbus’ Stadtzentrum entfernt, ist ruhig, sicher und sauber, auch wenn die Leute zu beschäftigt sind, um in ihren Vorgärten Wege, Sträucher oder Blumenbeete anzulegen. 650 Dollar, hatte Rhonda Dutton sich ausgerechnet, könnten sie jeden Monat für die Abzahlung der Hypothek ausgeben. Damit ließ sich kein Haus für 94 000 Dollar finanzieren, aber so viel wollte der Verkäufer, ein Mann namens Troy. Statt den Preis zu senken, machte er einen Vorschlag: Er übernehme ein Jahr lang die Differenz zwischen den 650 Dollar, die Dutton zahlen kann, und den 833 Dollar, die die Hypothek kostet. Und die Bank versprach auch etwas: Nach einem Jahr würde sie sich um eine Umfinanzierung kümmern und so die monatlichen Raten senken.

Im vergangenen Dezember zogen die Duttons ein. Und auf den ersten Blick sieht auch heute noch alles in Ordnung aus. Ein riesiger Flachbildschirmfernseher dominiert eine der Wohnzimmerwände. Über dem Sofa stehen fein aufgereiht auf drei Regalen Dutzende Mickey-Mouse-Figuren, auch die Küche hat Rhonda Dutton damit dekoriert.

Sie streicht den blaugrauen Sofabezug glatt, bevor sie sich hinsetzt – und schwer schluckt, damit ihr nicht die Tränen kommen. Von Troy haben die Duttons seit dem Tag der Vertragsunterzeichnung nichts mehr gehört. Das versprochene Geld hat er nie geschickt. Stattdessen mussten sie 4500 Dollar in das Haus stecken, das sich als Bruchbude erwies. Und die 1500 Dollar, die Dutton jeden Monat nach Hause bringt, reichen nicht, um die Hypothek zu bedienen, das Auto abzubezahlen, um für Wasser, Strom und Gas aufzukommen und Essen auf den Tisch zu bringen. Und eigentlich wollten sie ihren vier Kindern auch noch etwas zukommen lassen.

Zu gerne würde Rhonda Dutton Troy verklagen, doch sie weiß, dass sie dann wahrscheinlich ihr Haus verliert. Der Verkäufer und Kreditvermittler in Personalunion hatte am Tag des Vertragsabschlusses 11 000 Dollar auf Rhonda Duttons Konto überwiesen und sie aufgefordert, das Geld sofort abzuheben. Dann gab er es bei der Hypothekenbank als Eigenanteil der Käuferin aus. Ein Betrug, bei dem Dutton im Zweifelsfall als Mittäterin vor Gericht landen würde.

Die Bank jedenfalls hat bereits gedroht, sie ihrerseits zu verklagen, falls sie vor Gericht zieht. Wohl auch als Selbstschutz, denn wie sich herausgestellte, fingierte die Sachbearbeiterin Rhonda Duttons Einkommen. Statt 1500 Dollar gab sie 2950 Dollar an – „sonst hätte ich den Kredit nie bekommen“, weiß Dutton heute.

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