Bis auf die Knochen

Veröffentlicht: 11. August 2007 von infowars in Geheimgesellschaften, USA

George W. Bushs Großvater soll den Schädel eines Apachenhäuptlings für den Schrein einer Geheimloge gestohlen haben. Die Indianer wollen ihn zurück

Eva Schweitzer/ berlinonline.de

NEW MEXICO. Dies ist eine Geschichte amerikanischer Legenden. Es ist die Geschichte eines berühmten Apachenhäuptlings und die eines Geheimbundes an der Universität von Yale, der Skull & Bones-Gemeinschaft, der so viele wichtige und mächtige Amerikaner angehören, George W. Bush etwa, der Präsident. Und auch John Kerry, der Mann, der Bush bei der letzten Wahl herausforderte. Es ist die Geschichte eines Grabraubes und eines Kampfes um Wiedergutmachung; und wer sie verstehen will, der muss sich aufmachen in ein Reservat, dorthin, wo die Nachkommen Geronimos leben, des großen Häuptlings der Apachen.

Aus dem Tal der Feuer führt eine alte Landstraße zu den Schwarzen Bergen. Hier in New Mexico, zwischen dem Militärtestgelände von White Sands und dem Rio Pecos, leben die Mescalero-Apachen. Geronimos Urenkel. Apachen sind Warriors, Krieger. Die Apachenkriege des vorletzten Jahrhunderts haben sich tief ins Gedächtnis der Amerikaner eingegraben. Und der letzte, der einst noch kämpfte, war Geronimo. Er hatte die Waffen wieder aufgenommen, nachdem die Weißen seine Frau und seine zwei kleinen Töchter umgebracht hatten. Am Ende widerstand er der US-Army mit nur drei Dutzend Kriegern. 1886, als schließlich ein hohes Kopfgeld auf ihn ausgesetzt worden war, ergab er sich.

„Die Army hatte ihm versprochen, dass die Apachen auf ihr Land zurückdürften, aber statt dessen wurde der Stamm in ein Kriegsgefangenenlager getrieben“, erzählt Harlyn, sein Urenkel, der die Erinnerung an diese Geschichte wach hält. „Geronimo blieb 22 Jahre lang ein Gefangener, bis er in Fort Sill in Oklahoma starb.“

Und so kam es, dass Geronimo nach seinem Tod im Jahr 1909 ein Opfer des Bundes Skull & Bones, zu deutsch: Schädel & Knochen, wurde. Denn knapp zehn Jahre später, 1918, wurde ein Rekrut von der Ostküste in Fort Sill stationiert: Prescott Bush, der Großvater des heutigen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Der grub, zusammen mit einigen Kameraden, einen Schädel und zwei Knochen aus, die er für die des Häuptlings Geronimo hielt. Oder er ließ sie von Einheimischen ausgraben, die er dafür bezahlte, wie es in einer anderen Version heißt. Dann schaffte Bush den Schädel zu seiner Alma Mater, zur Universität von Yale. Und so soll noch heute Geronimos Schädel im Hauptquartier von Skull & Bones ruhen. In einer Glasvitrine in der sogenannten Gruft, einem fensterlosen Gebäude.

Für den jungen Prescott Bush, aus dem später ein Banker und Senator wurde, war es eine Mutprobe. Geronimo war für die Weißen der verhasste, endlich besiegte Feind, an dem Rache noch im Tod geübt wurde. Für die Apachen aber war es Grabschändung. Niemals hat sich der Stamm damit abgefunden, dass die sterblichen Überreste ihres größten Sohnes gestohlen und entführt wurden, aber der elitäre Geheimbund in Yale, dieses Netzwerk der amerikanischen Elite, blockte alles ab.

Nun hat Harlyn, Geronimos Urenkel, es sich zum Ziel gesetzt, den Schädel des Häuptlings zurückzuholen. Das gebiete schon der indianische Glaube. „Die Knochen müssen dort begraben sein, wo der Krieger gelebt hat“, sagt Harlyn. „Sonst kann die Seele ihre Wanderung in die nächste Welt nicht beenden.“ Außerdem, sagt Harlyn, sei Geronimo in Yale immer noch ein Kriegsgefangener.

Harlyn Geronimo ist ein zarter, zurückhaltender Mann. Er sei Heiler, Medizinmann, kein Krieger, sagt er. „Aber das ist mein Urgroßvater auch gewesen. Er griff erst zu den Waffen, als er musste.“ Der 59-Jährige trägt einen weißen Cowboyhut, ein türkisfarbenes Hemd und eine Kette aus Türkisen, den heiligen Steinen der Apachen.

Vieles hat er schon getan in seinem Leben: Er war Schauspieler, Bildhauer, er ist durch das Land gereist und hat Vorträge gehalten über das Leben der Indianer. „Darüber, wie uns unsere Freiheit gestohlen wurde.“ Er hat in den Reservaten gegen Kinderarmut gekämpft. Er selbst hat drei Kinder. Und vier Enkel. Nun kümmert er sich um die Familie. Und um den Schädel seines Urgroßvaters.

Mit ihm zu reden, ist nicht ganz einfach. Man muss eine kleine Odyssee durchs Land der Mescalero hinter sich bringen, um in Ruhe mit ihm sprechen zu können. Zunächst sind wir im „Inn of the Mountain Gods“ verabredet, einem Casino, das sein Stamm betreibt. Das Casino ist ein weißer Palast in den Bergen, ein Luxushotel mit Ballsaal, Jagdstrecke, Golfplatz, Skipiste, und natürlich einem Saal voller Spielautomaten. Aber hier will Harlyn nicht bleiben. „Ich will denen nicht noch mehr Publicity verschaffen“, meint er. Zwar sorgen die Einnahmen aus dem Casino für bescheidenen Wohlstand des Stammes. Aber irgendwie sei das Ganze doch ein Ausverkauf an die Weißen. So fahren wir ins Tal und landen am Ende in einer fast leeren Tex-Mex-Bar, in der Harlyn die Geschichte um Geronimo und Skull & Bones erzählt.

Harlyn wusste schon früh, dass der Schädel seines Urgroßvaters gestohlen worden war. „Einige von uns haben schon mal versucht, ihn zurückzubekommen, aber ohne Erfolg.“ Tatsächlich hatte schon Mitte der Achtzigerjahre der Apachen-Chief Ned Anderson die Herausgabe des Schädels verlangt. Er wollte damals auch unbedingt einen Vertreter des Bush-Clans treffen, um mit der Familie über den Grabraub zu sprechen. Doch eine Verabredung mit dem Bruder von George Bush Senior, mit Jonathan Bush, kam seinerzeit nicht zustande. Das FBI lehnte es ebenfalls ab, sich in den Fall einzuschalten.

Anderson traf stattdessen einen Anwalt von Skull & Bones. Dieser aber wimmelte ihn auch nur ab, präsentierte ihm den Schädel eines zehnjährigen Jungen. Den könne er mitnehmen ins Reservat, und ansonsten solle man Skull & Bones doch bitte mit der Geschichte nicht weiter belästigen. Eine Zeit lang war es dann auch tatsächlich ruhig geworden um die Geschichte.

Vor etwa einem Jahr dann aber rief ein Historiker namens Mark Wortman bei Geronimos Urenkel Harlyn an. Und wieder ging es um die Spur zu Prescott Bush, zum Vorfahren des Präsidenten. „Wortman arbeitete an einem Buch über Millionäre, die in Yale studiert hatten“, sagt Harlyn. Bei diesen Recherchen habe Wortman einen Brief aus dem Jahr 1918 entdeckt. Darin beschrieb ein Student, wie Prescott Bush damit geprahlt habe, die Knochen ausgegraben zu haben. „Der Schädel von Geronimo dem Schrecklichen, exhumiert aus einem Grab bei Fort Sill, ist nun sicher in der Gruft, samt seinem Oberschenkelknochen und Sattelhorn“, hieß es. „Der Brief“, sagt Harlyn, „ist von einem Sachverständigen untersucht worden, und es hat sich herausgestellt, dass er authentisch ist.“

Freilich hat das Harlyn in seinem Kampf um den Schädel des Urgroßvaters auch nicht weitergeholfen. Denn an wen soll er sich wenden? An Skull & Bones, diesen schon im Jahr 1832 gegründeten ultrageheimen Bund, dessen Mitglieder einander aufs Leben verschworen sind? Nicht nur die Bush-Familie und John Kerry gehören dazu, auch Henry Luce, der Gründer des „Time Magazine“, William Donaldson, der Boss der Börsenaufsicht, auch einige Chefs der CIA waren dabei.

Skull & Bones hüllte sich also erwartungsgemäß in Schweigen. Harlyn hatte genauso wenig Erfolg wie der Indianer-Chief Ned Anderson, der es in den Achtzigern versucht hatte. Geronimos Urenkel wandte sich schließlich sogar an das Weiße Haus, aber da ist man mehr mit dem Irakkrieg beschäftigt als mit den Apachenkriegen. „Und Yale, die Universität, hat mir gesagt, sie hätte damit nichts zu tun“, sagt Harlyn resigniert.

Harlyn überlegt nun, einen Anwalt zu engagieren, aber das ist eigentlich zu teuer für ihn. „Wir setzen lieber auf Publicity.“ Er lächelt sanft. „Publicity ist wichtig in Amerika.“ Und die Medien hätten ihn immer freundlich behandelt, sagt er. „Ich war sogar einmal beim Sender Fox News eingeladen, und die haben ebenfalls in der Sache beim Weißen Haus angerufen. Aber sie haben von denen dann auch keine Auskunft bekommen.“

Die Autorin Alexandra Robbins, die ein Buch über die geheimen Riten von „Skull & Bones“ geschrieben hat, hat mit mehreren Mitgliedern gesprochen, die ihr im Vertrauen sagten, es gebe im Hauptquartier tatsächlich einen Schädel unter Glas. Aber ist es wirklich der von Geronimo? „Da bin ich mir sicher“, sagt Harlyn. „Denn er ist mir im Traum erschienen.“ Und als Medizinmann und Heiler wisse er, dass solche Träume bedeutsam seien. Außerdem, fügt er lächelnd hinzu, könne man so etwas heutzutage ja auch per DNA-Analyse feststellen, wenn man sich nicht auf seine Träume verlassen wolle.

Am Ende soll nun doch noch die amerikanische Politik diesen Streit um einen alten Schädel und eine Geheimgesellschaft lösen. Denn Unterstützerorganisationen, Harlyn und die Mescalero-Apachen haben nun eine Petition an den amerikanischen Kongress vorbereitet. Sie ist etwa eine Seite lang, steht im Internet und kann auch dort unterschrieben werden. Wer sie unterstützt, der verlangt vor allem eins: Der Kongress möge dafür sorgen, dass im Fall von Geronimos Schädel sofortige Ermittlungen eingeleitet werden. Etwa siebentausend Leute haben diese Petition bereits unterschrieben. Sie wollen, dass eine alte amerikanische Geschichte endlich aufgeklärt wird.

Berliner Zeitung, 09.08.2007

 

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