Joseph Stiglitz: Amerikas Tag der Abrechnung

Veröffentlicht: 9. August 2007 von infowars in Bank Mafia/Finanzen, USA, Wirtschaft

von Joseph Stiglitz/ ftd.de

Die US-Hypothekenkrise wurde von Politik, Notenbank und Geschäftsbanken selbst herbeigeführt: Mit Steuersenkungen, niedrigen Zinssätzen und laxen Kreditstandards.

Die Pessimisten, die schon lange Schwierigkeiten für die amerikanische Wirtschaft prognostizierten, scheinen letztlich recht zu bekommen. Diese Entwicklung war größtenteils ebenso vorhersehbar wie ihre wahrscheinlichen Folgen sowohl für die Weltwirtschaft als auch für die Millionen Amerikaner, die in finanzielle Nöte geraten werden.

Die Geschichte nahm mit der Rezession im Jahr 2001 ihren Anfang. Mit Unterstützung von Notenbankchef Alan Greenspan setzte Präsident George W. Bush eine Steuersenkung durch, die zwar den reichsten Amerikanern nützte, aber nicht dazu geeignet war, die Wirtschaft aus der Rezession nach dem Platzen der Internetblase zu führen. Die Fed hatte keine andere Wahl, als die Zinssätze zu senken, wenn sie ihrem Mandat zur Aufrechterhaltung des Wachstums und der Beschäftigung nachkommen wollte. Das tat sie dann in beispiellosem Ausmaß – bis auf einen Zinssatz von einem Prozent.

Nicht investiert, Schulden ignoriert

Diese Geldpolitik funktionierte, aber auf grundsätzlich andere Art als gewöhnlich. Üblicherweise motivieren niedrige Zinssätze Firmen, mehr Geld zu borgen, um zu investieren. Der höheren Verschuldung stehen dann mehr Produktionsmittel gegenüber.

Die Überinvestitionen in den 90er-Jahren waren aber ein Teil des Problems, das der Rezession zugrunde lag. Deshalb führten die niedrigeren Zinssätze nicht zu höherer Investitionstätigkeit. Die Wirtschaft wuchs vor allem, weil amerikanische Familien noch mehr Schulden auf sich luden, um ihre Hypothekarkredite zu refinanzieren und Teile des dadurch erzielten Gewinns wieder auszugeben. Solange die Immobilienpreise dank niedriger Zinssätze stiegen, konnten die Amerikaner ihre steigenden Schulden ignorieren. Aber auch das kurbelte die Wirtschaft nicht ausreichend an. Um noch mehr Menschen dazu zu bringen, noch mehr Geld zu borgen, wurden die Kreditstandards gelockert, wodurch vermehrt sogenannte „zweitklassige“ Hypotheken angeboten wurden. Zudem wurden neue Produkte mit niedrigeren Einmalzahlungen eingeführt. Das machte es für den Einzelnen leichter, höhere Hypothekarkredite aufzunehmen.

Manche Hypothekarkredite wiesen sogar eine negative Amortisierung auf: Die Schulden wurden jeden Monat höher, da die Ratenzahlungen die fälligen Zinsen nicht abdeckten. Festverzinsliche Hypothekarkredite wurden durch variabel verzinsliche Hypothekarkredite ersetzt, deren Zinszahlungen an die niedrigeren Zinssätze kurzfristiger T-Bills – kurzfristiger vom Staat ausgegebener Geldmarktpapiere – gebunden waren. Sogenannte Lockzinssätze ermöglichten sogar noch niedrigere Ratenzahlungen in den ersten paar Jahren. Viele Kreditnehmer verfügten nicht über das nötige Finanzwissen um zu verstehen, worauf sie sich einließen.

Tel 2: Tag der Abrechnung wurde hinausgeschoben >>

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