Spielend zur Kritiklosigkeit erzogen

Veröffentlicht: 19. Dezember 2007 von infowars in Medien, TV
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Roberto De Lapuente 

CSI-Serien zeigen den Rechtsstaat als Hindernis auf.

Kein Verbrechen bleibt ungesühnt, jedes Vergehen wird der Justiz überantwortet. Zumindest könnte man das annehmen, wenn man die jeweiligen Konzepte sogenannter CSI-Serien bewertet. Womöglich liegt der gigantische Erfolg dieser Ermittlerserien auch darin, daß des Zuschauers Gerechtigkeitssinn zu seinem Recht kommt. Die Kollateralschäden, die dabei hinterlassen werden, um einen spektakulären Mord aufzulösen, nehmen die Zuschauer nur beiläufig zur Kenntnis. Der österreichische Big Brother Award ließ sich aber nicht blenden und zeichnete dieses Jahr den CSI-Autor Anthony E. Zuiker aus. In der “Laudatio” heißt es unter anderem:

“Die C.S.I.-Serien präsentieren Rasterfahndung, DNA-Analysen und die Aushebelung von Bürgerrechten unkritisch, verharmlosend und gefährlich einseitig. (…) Die C.S.I-Beamten zeigen, wie smart sie ihre Arbeit erledigen, in dem sie all diese Rechte links liegen lassen bzw. systematisch umgehen. (…) Die Ermittler benutzen des Weiteren alle Tricks, um heimlich und an den Schutzrechten der Bürger vorbei, DNA- und Fingerabdrücke von Verdächtigen zu besorgen. In einem sensiblen und oft hochemotional gehaltenen Kontext werden im Kampf gegen Terror und Verbrechen Bürgerrechte zu einem lästigen Anhängsel des letzten Jahrhunderts degradiert und die Mittel durch den Zweck gerechtfertigt. Diese Indoktrination hat dementsprechend fatale Effekte in der politischen Diskussion über den Kampf gegen den Terror.”

Es liegt in der Natur der Unterhaltungsindustrie, sich an gegebene Umstände, d.h. an der Realität zu orientieren. Neu ist es also sicher nicht, wenn macht- oder sozialpolitische Fragen in ein Serienkonzept geworfen werden. Und dennoch begeben wir uns in eine Unterhaltungswelt, die an Dreistigkeit und Indoktrinationsbereitschaft keine Schamgefühle mehr festmachen will. Freilich kann man den Staatsbürger auch mittels Aufklärung zum Segrationisten, Sicherheitsfanatiker oder Sozialdarwinisten hinmanipulieren. Aber gleichwohl man Hündchen spielend zu Wachhunden erzieht oder Kinder im Spiel auf die sogenannte “Welt der Erwachsenen” vorbereitet, so ermöglicht das Unterhaltungsprogramm eine ebenso spielende Sichtbarmachung angeblich notwendiger politischer Entscheidungen. In dieser Weise macht man dem Zuseher mittels einer spannenden Geschichte weis, daß allgegenwärtige Überwachung, der gläserne Bürger gemeinhin und repressive Ermittlung immer zum Erfolg führen.

Dies gaukelt Sicherheit vor; dies vergrößert den Anschein, wonach Terroranschläge so – und nur so – im Vorfeld gelöst werden können. Dem Zuschauer muß klar werden: Es gibt keine andere Lösung, Terror kann nur durch Terror bekämpft werden. In den Drehbüchern finden sich keine Dialoge, die auch nur ansatzweise den Repressionsapparat der CSI-Behörden anzweifeln. Kein Wort zu Zwangslagen vieler Täter, die sich manchmal – nicht immer – zu einer Straftat durchringen müssen, weil ihnen der Staat sämtliche Teilhabe entzogen hat. Resozialisierung und Menschsein des Täters sind zudem Fremdworte. Die Kritik am System bleibt unausgesprochen. Nicht das System schafft Verbrechen, sondern das Verbrechen ist rein individuell. Prostitution, Ausbeutung, Beschaffungskriminalität werden als freie Entscheidungen der Protagonisten dargestellt, gerade so, als würde man aus einer lüsternen Laune heraus zur Hure werden. Das Gut-Böse-Schema muß also erhalten bleiben, um den Zuschauer nicht zu überfordern, ihn nicht zum Nachfragen zu animieren. Er muß lernen: There is no alternative. Keine Alternative zum Kapitalismus, keine Alternative im Abbau sozialer Strukturen, keine Alternative im Kampf gegen das Verbrechen und den Terror.

All jenes, was in der “Laudatio” zur Sprache kommt, ist die direkte Beeinflussung und Zertrümmerung aufklärerischer Grundsätze. Ist das wackelige Rechtsempfinden der Menschen erstmal halbwegs zum Einsturz gebracht, rollt eine Lawine des Rechtsnihilismus los, die kaum noch zu bremsen ist. So klagen seit einiger Zeit Gerichtsmediziner über den sogenannten “CSI-Effekt”. Durch die Eindrücke dieser Serien genährt, entsteht in der Bevölkerung – aber auch innerhalb des Polizeiapparates – eine hemmungslose Analysengläubigkeit. Gerade in den USA, welche sich im Justizwesen immer noch das Relikt vergangener Siedlertage leisten – die Geschworenen -, fördert diese Gläubigkeit das Abschalten kritischen Denkens und Schlußfolgerns. So kann es geschehen, daß alle Indizien zugunsten eines Angeklagten stehen, aber eine Haaranalyse behauptet das Gegenteil. Gerichtsmedizin, so sagt die Branche selbst, ist aber nicht unfehlbar. Unfehlbar sind nur die Ermittler dieses Serienformats, die einen vermeintlichen Realismus vorspielen, der mit den wahren Umständen nichts gemein hat.

Gerade anhand dieser indirekten Ineinflußnahme, dieser Frucht der Manipulation, gibt man den persönlichen Ressentiments gegen Minderheiten oder Randgruppen Auftrieb. Wenn der Geschworene seinen Verstand auf Sparflamme köcheln läßt, weil er sowieso nur den forensischen Beweis abwartet, wie kann er da unvoreingenommen an den Fall herantreten? Das letzte Fünkchen Hoffnung wird für einen schwarzen Angeklagten zerschlagen, wenn der rassistische Geschworene den Sachverhalt nurmehr am Rande beobachtet.

Forensiker beklagen zudem, daß die Serienkonzepte unrealistisch sind. Meist werden Fälle innerhalb eines Tages aufgelöst. Nicht, weil der Verdächtige sofort geständig ist, sondern weil innerhalb eines Ermittlungstages DNA- und Stoffanalysen, Zeugenaussagen und Bilder diverser Überwachungskameras ausgewertet werden. Der reale Ermittleralltag sieht wesentlich zeitaufwendiger aus (DNA-Analysen dauern teilweise Wochen), zudem finden sich längst nicht so viele Ermittlungsansätze an jedem Tatort, wie es diese Serien suggerieren wollen. Hervorzuheben ist außerdem, daß Forensiker keine polizeilichen Ermittler sind. Sie werten Proben aus, die sie am Tatort aufnehmen, befragen aber keine Zeugen und stehen schon gar nicht bei der aktiven Erfassung oder gar Verfolgung eines Tatverdächtigen hilfreich zur Seite. Das schnelle, effiziente und gerechte Handeln der Serienermittler projeziert ebenso das Trugbild der Absolutheit forensischer Ermittlung. Das fiktive Universalgenie fördert den Primat der Unfehlbarkeit der Forensik.

Auffällig auch: Innerhalb der CSI-Serien wird jeder Todesfall, der sich zumeist als Mord herausstellt, genauestens ermittelt. Jeder Tote kommt zu seinem Recht, egal ob Millionär oder Obdachloser. Man darf indes bezweifeln, ob die Behörden teuere Ermittlungsarbeit erlauben, wenn es sich um jemanden handelt, der in dieser Gesellschaft keinen Produktivwert aufweisen kann. Der Schein kapitalistischer Allgerechtigkeit wird hier am Leben erhalten. Die gute, alte Mär von der gerechten Gesellschaft, wo gleiches Recht für alle gilt.

CSI-Serien sind einerseits unterhaltungstechnische Ausgeburten eines omnipräsenten Überwachungsstaates, andererseits spiegeln sie den Zeitgeist wider. Wer also den Ausführungen des Schäubles nichts abgewinnen kann, hat immer noch die Möglichkeit, spielend zum treuen Staatsbürger erzogen zu werden, indem er sich Serienkonzepte dieser Art zu Gemüte führt.

  http://links-im-sueden.blogspot.com/2007/12/schau-spielend-zur-kritiklosigkeit.html

Kommentare
  1. Kurt Maier sagt:

    Dem kann man nur zustimmen; aber sollten
    wir nicht schon als Kinder gelernt haben,
    das was aus der “Glotze” kommt, ist fern
    ab der Realität.

    Selbst Vorzeigeserien Schreiber wie die
    vom “Tatort” haben Probleme die einfache
    Wirklichkeit abzubilden. So wird die
    Gerichtsmedizin schlicht zur Pathologie
    erklärt und der Aufzug zum Fahrstuhl
    degradiert. Gute Hinweise – gar für den
    kriminalen Laien – hier läuft Glotze. Wenn
    bei “Akte X” das löchrige Wasserbett eine
    Fontäne hervorzaubert, ein weiterer
    Anhaltspunkt für vermeintliche
    Realitätsnähe.

    Aber was ist mit denen, die zwischen
    Fiktion und Wirklichkeit nicht (mehr)
    unterscheiden können? Welche die glauben
    und Errettung suchen in drei Buchstaben
    Serien / Unternehmen und bei denen, die es
    “wegen des Geldes” machen. Darf man ihnen
    offen sagen, jede/r zweite wird
    geschnappt?

    Vielleicht wünschen wir uns insgeheim,
    wenn es denn sein muss, nur intelligente
    Gentlemen Gesetzeswidrigkeiten, um
    Kollateralschäden so gering wie möglich zu
    halten.

  2. Wieso heißt es “…erzogen”? An welche Altersgruppe richten sich denn diese Serien?
    Meiner Meinung nach sollte jeder, der ein Kind erwartet, seinen Kabelanschluss abmelden und die Monatsgebühr dafür lieber in eine Jahreskarte der Bücherei investieren. Denn “erzogen” werden müssen nur Kinder und Heranwachsende, und der oft als bequemer Babysitter missbrauchte T.V. ist dafür denkbar ungeeignet. Dann gäbe es auch viel weniger dumme Erwachsene, die Realität und Fernsehen verwechseln.
    Wobei es mir sowieso ein Rätsel bleiben wird, warum pathologische Serien sich so großer Beliebtheit erfreuen.

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